Aktuelle Meldung

05.03.2017

Johanna Brendel vom Kinderschutzbund Reutlingen im Interview

Bittersätze sind tabu!

Was brauchen Söhne oder Töchter, damit der Übergang von der Schule in Ausbildung, Studium und Beruf gelingt? Eltern, die den Rücken stärken, Mut machen und Grenzen setzen. Das rät Johanna Brendel vom Kinderschutzbund Reutlingen e. V. Im Interview gibt sie Tipps für die Praxis in Familie und Schule.

Foto: contrastwerkstatt - Fotolia.com

WmS: Warum ist das Ende der Schulzeit und die Suche nach dem passenden Ausbildungs- oder Studienplatz für Jugendliche ein schwieriger Schritt?

Brendel: Der Übergang von der Schule in die Ausbildung beziehungsweise in das Studium für viele junge Menschen eine besonders schwierige Zeit. Es liegt ein ganz neuer Lebensabschnitt vor einem, der einerseits mit positiven Erwartungen besetzt ist, andererseits aber auch mit Fragen und Ängsten: Was kommt da auf mich zu? Werde ich die Ausbildung oder das Studium schaffen? Man muss für sich selbst eine Entscheidung treffen, die -zumindest gefühlt- eine sehr bedeutsame, möglicherweise 'lebenslängliche' Entscheidung ist. Viele Jugendliche fühlen sich aber noch zu jung, um solch eine 'schwere' Entscheidung zu treffen. Andere haben zwar ganz konkrete Berufswünsche, sind nun aber kurz vor Ende ihrer Schulzeit mit der harten Realität konfrontiert, die ihnen auf Grund ihrer Schulnoten manche Ausbildungen einfach nicht ermöglichen will. Das heißt: sich von ursprünglichen Vorstellungen zu verabschieden, neue Ideen zu entwickeln und diese wieder mit der Realität abgleichen.

WmS: Was können Eltern tun, um Kinder in dieser Phase gut zu begleiten?

Brendel: Viele Jugendliche lassen sich in der Berufsfindungsphase gerne von ihren Eltern unterstützen. Wie die Unterstützung dann konkret aussieht, hängt vom jeweiligen Jugendlichen ab. Bei dem einen reicht es, sich immer wieder mal im Gespräch auf den neuesten Stand der Aktivitäten bringen zu lassen und eventuell weiterführende Ideen einzubringen, die der Jugendliche dann wiederum selbstständig umsetzt. Andere brauchen sehr viel mehr praktische Unterstützung: Gemeinsames Sammeln von Berufsinfos, Begleitung zur Berufsberatung, Hilfe beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen, usw. Das braucht Zeit auf beiden Seiten und die sollte man sich auch unbedingt nehmen. Es lohnt sich!

WmS: Sie raten, auf sogenannte "Bittersätze" zu verzichten. Was genau meinen Sie damit?

Brendel: Auf 'Bittersätze' greifen wir zurück, wenn uns nichts anderes mehr einfällt und unser Stresspegel hoch ist. Es ist letztendlich der ungeschickte Versuch, sich durchzusetzen oder sich zu wehren, in dem man sein Gegenüber erniedrigt und kleinmacht. Was man damit aber stattdessen erreicht, ist eine vergiftete Beziehung.
'Bittersätze' sind Aussagen über mein Gegenüber, die nicht nur ein Verhalten kritisieren, sondern die ganze Person in Frage stellen. Zum Beispiel sagt die verärgerte Mutter zu ihrem Sohn, der sich immer noch nicht um einen Praktikumsplatz gekümmert hat: Sag mal, wie alt bist Du eigentlich? Du bist wohl noch zu klein zum Telefonieren. Jetzt muss ich das auch noch für Dich tun. Als ob ich nicht schon genug um die Ohren hätte. Du kannst einem das Leben wirklich verdammt schwer machen." Solch eine Aneinanderreihung von Bittersätzen trifft den Jugendlichen schmerzhaft in seinem innersten Kern und zwar so stark, dass er sicherlich keine Lust haben wird, sich überhaupt um irgendetwas zu kümmern, was seiner Mutter wichtig ist. Vielleicht wird er sogar zum Gegenangriff starten und der Mutter wiederum Dinge an den Kopf werfen, die sie schmerzhaft treffen sollen.

WmS: Bewerbungen schreiben, vielleicht auch die ein oder andere Absage bekommen, das nagt am Selbstbewusstsein. Was können Eltern tun, um den Rücken zu stärken?

Brendel: Verständnis auf Seiten der Eltern für den Kummer oder Ärger über den Misserfolg ist sicherlich zunächst hilfreich und rückenstärkend. Andererseits sollte man aber auch kein zu großes Drama daraus machen, wenn es nicht gleich beim ersten Mal klappt. That's life!
Anders ist es, wenn die Eltern Grund zur Annahme haben, dass der Jugendliche seine Fähigkeiten nicht richtig einschätzt, sich also auf Ausbildung- oder Studienplätze bewirbt, für die er nicht die nötigen Voraussetzungen mitbringt. Dann sollte man diese Befürchtungen dem Jugendlichen gegenüber ansprechen und ihn ermutigen, sich auch auf andere Ausbildungs- und Studienplätze zu bewerben. Heutzutage ist kein Ausbildungs- oder Studienplatz so etwas wie eine lebenslängliche Verpflichtung, und es gibt mehrere Wege, zu seinem ursprünglichen Ziel zukommen.